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Dies und das: Was bleibt - Winnenden und seine Folgen Special

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Das erste Medienecho

Wenig überraschend schalten sich die Medien schon wenige Minuten nach den Tickermeldungen der Nachrichtenagenturen live in das Geschehen ein, berichten wirr von Opferzahlen, dem Tathergang, der Identität des Täters und seinen Motiven. Fast schon selbstverständlich werden "Killerspiele" als eine mögliche Schaltstelle zwischen den Fantasien des Täters und der Realität genannt. "Chefdemagoge" Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen selbst führt einmal mehr seine "Böse Jungen"-These aus, zitiert zusammenhanglos aus fragwürdigen Studien mit eindeutiger Absicht und wird dabei ausgerechnet von Kollegen gebremst. Der Wendepunkt?

Ein Soziologe wird im M von einer Moderatorin befragt: "Sind Killerspiele schuld an der Tat?" Fast schon überraschend antwortet dieser: "Vielleicht, vielleicht auch nicht. Uns fehlen schlicht die Fakten und objektive Studien." Dieser Satz als Antwort auf ähnliche Fragen taucht vermehrt auf. Und entkoppelt erwachsene Unterhaltung vom Stigma des "bösen Killerspiels".

Denn längst ist klar: Erst der problemlose Zugang zu dem Waffenarsenal von Tim Kretschmers Vater machte die Tat praktisch möglich. Fünfzehn Schusswaffen zählt die Sammlung, 4600 Schuss Munition lagen im Waffenschrank - nachweislich nicht wie gesetzlich verpflichtend in einem separaten Tresor, sondern zusammen mit den Pistolen und Gewehren. Ein Leichtes, das Arsenal schussbereit zu machen. Hinzu kommt das noch Wochen und Monate später von den Medien bemühte fragmentarische, widersprüchliche psychologische Profil des Täters. Was davon stimmt und was nicht, lässt sich schon wenige Stunden nach der Tat nicht mehr feststellen. Bei der Zusammensetzung des komplexen Gegenstandes versagen nicht nur die Medien, sondern auch die Polizei, deren Kompetenz man mit ihrem von "oberster Dienststelle" abgesegneten und öffentlich zitierten Krautchan-Beitrag bezweifeln darf. Tim Kretschmer soll auf Krautchan in einem Post seinen Amoklauf angekündigt haben - wie sich jedoch schnell herausstellte, existierte diese Nachricht gar nicht und die Seitenbetreiber hatten alle Mühe zu erklären, dass es sich bei Krautchan lediglich um eine Seite für Photoshop-interessierte Leute handelt.
Je länger die Tat zurückliegt und je mehr man sich mit psychologischen Gutachten und der Sozialisation von Tim auseinandersetzt, desto klarer wird das Bild eines Einzelgängers, der die Rahmung von Spielen begriff, aber durchbrechen wollte.

Exkurs Rahmung

Die Rahmung bestimmt massgeblich, wie wir ein Spiel wahrnehmen, ob wir es von der Realität unterscheiden können und ob wir nach dem Abschalten eines Games das normale Leben aufnehmen können, ohne davon beeinflusst zu sein. Vielleicht kennt das der ein oder andere Spieler von Rennspielen. Wenn man kurz nachdem man aus einer virtuellen Hochgeschwindigkeitssause ausgestiegen ist sofort ins eigene Auto steigt, kommt einem das Tempo viel zu gering vor, man neigt dazu, schneller zu fahren - bis man begreift, wie schnell 100 km/h sein können. Ähnlich verhält es sich mit "Killerspielen". Der Spieler selbst sieht sich im Wettbewerb mit anderen - die Eltern minderjähriger Gamer nehmen meist nur die Komponente des Tötens war - und projiziert diese Wettbewerbssituation unmittelbar auf das echte Leben, auf die Gefahr, die das Wissen des gezielten schnellen Tötens mit Enttäuschung, Ausgrenzung und Problemen des eigenen Ichs in der Gesellschaft verbindet.

"Rahmung" ist ein Aspekt des Spielens, die "Durchlässigkeit" ein weiterer, nicht zu unterschätzender. Sie meint, dass Spiele wie auch Realität von ein und demselben Gehirn verarbeitet werden und die Spiel-Lösungen im echten Leben als Strategien Anwendung finden können. Ein beliebter Ansatz für Christian Pfeiffer und all diejenigen, die "Killerspielen" die Eigenschaft anhaften wollen, Ursache und Trainingsmöglichkeit für Amokläufe zu sein. Ein Ansatz, dem man isoliert betrachtet zustimmen könnte, der um weitere Faktoren kombiniert aber haltlos wirkt. Wurde diese Argumentation in den Debatten einfach hingenommen? Früher schon, mittlerweile nicht mehr.

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Daniel Wendorf am 12 Mrz 2011 @ 10:47
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