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Broken Age: Special

  Personal Computer 

Double Fine Productions' Adventure-Projekt Broken Age gilt mit einer erzielten Summe von weit über 3 Millionen US-Dollar als der erste überwältigende Crowdfunding-Erfolg in der Spielebranche und als grosser Antriebsfaktor für die Kickstarter-Plattform. Trotzdem reichte das Geld nicht aus, um Broken Age direkt in vollem Umfang und mit allen Ideen des Teams zu veröffentlichen, weshalb man sich für ein Early-Access-Programm und die Aufspaltung in zwei Episoden entschieden hat. Unser nachfolgendes Test-Special wirft nach und nach einen kritischen Blick auf die beiden Akte.

Broken Age: Akt 1

Das Spiel wartet mit zwei Hauptcharakteren auf. Vella ist eine junge Frau, die in einer Märchenwelt lebt und einem berüchtigten Meeresungetüm namens Mog Chotra geopfert werden soll. Eine Tradition, die von den Menschen regelmässig zelebriert wird, um das Monster zu besänftigen. Für die meisten Auserwählten gilt das Opferritual als grosse Ehre, verhindern sie dadurch doch die Zerstörung ihrer Heimat. Doch Vella ist da anders gestrickt. Sie fragt sich, warum sich ihre Mitbürger von Mog Chotra unterwerfen lassen, statt zu den Waffen zu greifen. Da ihre Mitmenschen - sieht man mal von ihrem Grossvater ab - in dieser Hinsicht unbelehrbar sind, entschliesst sie sich, den Kampf in die eigene Hand zu nehmen. Während des Rituals geht Vellas Angriffsversuch schief, doch kann sie dem sicheren Tod entrinnen und wird von einem Riesengreifvogel in eine Wolkenstadt getragen, die von einer sektenartigen Menschengruppe bewohnt wird. Die laufen auf speziellen Schuhen über Wolken und pflegen Vogelnester. Nicht die einzige schräge Begegnung, die Vella im Verlauf der Geschichte erwartet.

Szenenwechsel: Der junge Weltraumkapitän Shay wird in seinem Raumschiff von einem liebevollen Bordcomputer umsorgt. Neben einer lächerlich umfangreichen Auswahl an Frühstückscerealien steht dem Jugendlichen ein eher ermüdendes Freizeitprogramm zur Verfügung. So soll er Strickwesen aus Eiscremelawinen befreien oder ein drohendes Spielzeugeisenbahnunglück verhindern. Schnell wird ersichtlich, dass Shay nur vermeintlich die Kontrolle hat und in Wahrheit in einer sicheren Seifenblase vor sich hinvegetiert. Angeblich eine Anordnung seiner Eltern, bis ein Ersatz für den verwüsteten Heimatplaneten gefunden ist. Doch Shay hat die Schnauze voll und will dem repetitiven Alltag entfliehen. Während des Versuchs trifft er auf einen zwielichtigen Typen im Wolfskostüm, der angeblich aus dem Untergrund heraus operiert und mit Shay einige gefährliche Weltraummissionen absolvieren möchte.

Broken Age Bild
Ihr schlüpft abwechselnd in die Rolle der beiden Charaktere. Während Vellas Part einem märchenhaften Fantasy-Abenteuer nachempfunden ist, stellt Shay die Science-Fiction-Liebhaber unter euch zufrieden. In beiden Fällen erwartet euch allerdings eher seichte Rätselkost. Über nur eine Maustaste könnt ihr die komplette Steuerung abwickeln. Am unteren Bildschirmrand befindet sich das Inventar, das bei Berührung mit dem übrigens aus den 1990er-Jahren entlehnten Mauszeiger ausklappt. Beim Absuchen der Spielumgebung passiert das schon mal versehentlich, was etwas aufs Nervenkostüm schlägt. Der Grossteil der Rätsel ist logisch aufgebaut und kann von Adventure-Kennern in kürzester Zeit gelöst werden. Das liegt einerseits an den eher spärlich vorhandenen Hotspots, andererseits aber auch am Rätseldesign an sich. Müsst ihr Gegenstände kombinieren, finden sich die nötigen Zutaten meist in unmittelbarer Nähe und/oder werden von anderen Charakteren explizit genannt. Um an das Harz eines sprechenden Baumes zu gelangen, müsst ihr ihn irgendwie zum Kotzen bringen. Dazu bedarf es allerdings keiner grossen Aufmerksamkeit, wird euch die mögliche Lösung doch kurz zuvor von einem paranoiden Holzfäller geradezu auf die Nase gebunden.

Trotzdem ist Broken Age ein sympathisches Abenteuer. Der Grafikstil ist aussergewöhnlich und erinnert an eine Mischung aus Holzpuppenspiel, Gemälde sowie Zeichentrick. Die mitunter schrägen, sehr gut englisch vertonten Charaktere sind charmant in Szene gesetzt. Wer möchte, kann ordentlich übersetzte deutsche Untertitel hinzuschalten. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, bedenkt man etwa den bereits erwähnten kotzenden Baum oder Shays Schrumpfkopf, sobald er einen Teleporter benutzt. Wer allerdings ein Gag-Feuerwerk à la Monkey Island erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht.

Fazit von Daniel Boll
Tim Schafer und sein Team liefern mit Broken Age: Akt 1 ein interessantes Adventure ab, das vor allem in puncto Grafikstil, Charakterdesign und Vermischung von Fantasy sowie Science Fiction überzeugen kann. Wer jedoch ein Meisterwerk wie Monkey Island oder Day of the Tentacle erwartet, sollte seine Euphorie schleunigst zügeln. Weder in Sachen Humordichte noch beim Rätseldesign kann Broken Age (bisher) mit den grossen Klassikern mithalten. Das muss es aber auch nicht, denn für sich genommen ist die erste Episode ein charmantes, kurzweiliges, gut drei- bis vierstündiges Vergnügen für alle, die eine zauberhafte Geschichte mit unerwarteten Wendungen und ohne grossartige Showstopper erleben möchten. Das einfache Rätseldesign wird auch Einsteiger vor keine allzu grossen Probleme stellen.

Ich freue mich jedenfalls auf den zweiten und finalen Akt, der für das 2. Quartal 2014 zu erwarten ist und laut Hersteller deutlich länger werden soll. Wünschen würde ich mir dann auch komplexere Rätsel, mehr Hotspots sowie eine grössere Vielfalt an Mono- und Dialogen.

Fazit von Patrik Nordsiek
Die Fallhöhe war riesig, und die Skepsis schien die Oberhand zu gewinnen. Nach Verschiebungen und der Ankündigung, dass Broken Age auf zwei Akte aufgeteilt wird, haben sich viele Leute schon auf ein Scheitern eingestellt. Doch all das ist verflogen! Akt 1 hat mich sofort gepackt. Sicherlich ist der Zeichenstil nicht jedermanns Sache, und natürlich sind die Rätsel für echte Adventure-Veteranen deutlich zu leicht, doch die gesamte Geschichte, die Charaktere und vor allem die Vertonung zeugen von einer hohen Produktionsqualität. Zusammen mit dem meiner Meinung nach wahnsinnig gelungenen Pacing kommt ein Flow zustande, dass man sich nicht mehr vom Monitor wegbewegen möchte.

Akt 1 habe ich verschlungen, und am Ende dieses Anfangs stand ich mit offenem Mund vor meinem Rechner und war verblüfft. Selten hat mich eine Geschichte dermassen gepackt. Und dieser Twist! Mein Gott, dieser Twist! Natürlich hätte man ihn sehen können. Natürlich haben ihn andere Personen viel früher erkannt. Doch es gibt auch genügend andere Situationen, die einen auf eine völlig falsche Fährte locken können. Und genau das ist das Ergebnis dieser guten Balance zwischen Spielgeschwindigkeit und Story-Entfaltung, die ich so schon lange nicht mehr in einem Adventure gesehen habe.

Für Akt 2 erwarte ich mittlerweile nicht weniger als ein Meisterwerk, gewürzt mit ein wenig knackigeren Rätseln.

Broken Age
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Daniel Boll

 
Daniel Boll am 21 Mai 2015 @ 23:03
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